«Records in Contexts – Towards a New Level in Archival Description?»

Bogdan Florin Popovici: «Records in Contexts – Towards a New Level in Archival Description?», Tehnični in vsebinski problemi klasičnega in elektronskega arhiviranja, Radenci 2016. [PDF]

Der im September 2016 am ICA Kongress in Seoul vorgestellte Entwurf für einen neuen internationalen Erschliessungsstandard, «Records in Contexts» (RiC), wurde bereits im April des Jahres im slowenischen Radenci verhandelt. Hier findet alljährlich eine Tagung zu «technischen und verwandten Problemen der klassischen und elektronischer Archivierung» statt. Die Beiträge der Tagung von 2016 finden sich nun alle online auf der Website des Regionalarchivs Maribor. Darunter im Block «Archivtheorie» auch der genannte zu RiC. Er stammt von Bogdan Florin Popovici, dem Leiter des Departement Brasow des rumänischen Nationalarchivs und Mitglied der für RiC verantwortlichen Expert Group on Archival Description.

Zum einen stellt RiC den Versuch dar, die bestehenden vier ICA-Standards ISAD(G), ISAAR(CPF), ISDIAH und ISDF unter einem konzeptionellen Dach zusammenzufassen. Der von der EGAD vorgelegte Entwurf geht nun aber bedeutend weiter. Das konzeptionelle Modell RiC-CM ist nichts weniger als der Versuch einer Aktualisierung archivwissenschaftlicher Grundlagen unter den Bedingungen des Digitalen. Im Zentrum steht dabei das Provenienzprinzip und damit das eigentliche Fundament der Archivwissenschaft als einer methodisch eigenständigen Disziplin.

In diesem Sinne problematisiert Popovici in seinem Text auch eine idealisierte Vorstellung der ursprünglichen Ordnung von Archivgut. Im Alltag sei «Provenienz» selten so eindeutig, wie in der klassischen Archivtheorie. Vielmehr könnten die zu erhaltenden und über die Verzeichnung darzustellenden Entstehungszusammenhänge von Archivgut Archivar/innen vor erhebliche Probleme stellen, würden doch nicht selten Unterlagen in mehr als einem Kontext genutzt. In solchen Fällen bedeute eine eindeutige Festlegung der Provenienz aber eigentlich eine Verfälschung derselben. Im Zusammenhang mit den Problemen des Entstehungszusammenhangs, der «ursprünglichen Ordnung» erwähnt Popovic auch die grundlegende Kritik an der immer auf Ausschluss gründenden Erzählung des «Ursprungs» bei den Denker/innen der Postmoderne. An die Stelle des Ursprungs tritt dabei eine Vielheit von Kontexten.

Auch wenn der Autor den Erschliessungsstandard ISAD(G) als Meilenstein der Archivwissenschaft begreift, kritisiert er das dem Standard zugrundeliegende Modell, das ein Archiv vereinfacht als monohierarchische Struktur denkt. Auch wenn die Einfachheit dieses Modells zweifellos grosse Vorteile bei der effizienten Verzeichnung von Archivgut hat, versagt es, wenn es darum geht, komplexere Strukturen als einfache Über- und Unterordnungsverhältnisse darzustellen. Im Gegensatz dazu bietet RiC die Möglichkeit, auch horizontale und mehrdeutige Beziehungen zwischen Elementen darzustellen. Folgt man Popovici gibt es mit dem Wegfall der Notwendigkeit, Erschliessungsdaten als Findbuch auf Papier darstellen zu müssen auch keinen Grund mehr, sich bei der Verzeichnung einer strikt hierarchischen Logik zu unterwerfen.
Das bedeutet deswegen nun aber keinesfalls die Abschaffung von ISAD(G) sondern vielmehr seine Erweiterung. Entsprechend bleibt auch der vorliegende Entwurf von RiC trotz aller Kritik an einem vereinfachenden Verständnis von Provenienz immer den, dem archivischen Provenienzprinzip zugrundeliegenden Ideen verpflichtet.

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