Crowdsourcing – Citizen Science oder virtuelle Forschungsplattform?

Das Urkundenportal Monasterium.net

Im virtuellen Urkundenarchiv Monasterium.net wurden seit dem Projektstart 2002 Schritt für Schritt über 655'000 Urkunden aus 181 Archiven in 10 europäischen Ländern digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit ist Monasterium.net die weltweit grösste Onlineressource für Urkunden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Hauptziel des Projektes ist es – neben dem freien Zugang übers Internet und der Vernetzung der Urkundenbestände – die digitale Urkundenbearbeitung, d.h. die (Tiefen-)Erschliessung zu erleichtern. Urkunden können von der Crowd kollaborativ regestriert, transkribiert und kommentiert werden.

Von St. Pölten in die Welt

Seinen Ursprung hat das Projekt Monasterium.net im Diözesanarchiv St. Pölten in Niederösterreich. Dessen Archivdirektor, Dr. Thomas Aigner, wollte die Zugänglichkeit zu niederösterreichischen Klosterarchiven verbessern. Aufgrund der weitverzweigten klösterlichen Netzwerke wurde der geografische Raum allerdings rasch ausgedehnt und auch die Beschränkung auf geistliche Archive aufgegeben – aus dem virtuellen niederösterreichischen Klosterarchiv wurde ein virtuelles europäisches Urkundenarchiv.

Die Erschliessungstiefe und die -qualität der einzelnen Urkundenbestände aus den verschiedenen Archiven sind sehr heterogen. Zu den meisten Urkunden stehen auf Monasterium.net aber zumindest digitale Bilddateien, die Signatur und Archivzugehörigkeit sowie ein Kurzregest zur Verfügung. Es gibt aber auch Urkunden, von denen nur eine Transkription oder nur ein Bild mit Archivsignatur und Datumsangabe verfügbar sind. So oder so dienen die vorhandenen Daten der Crowd als Basis für die weitere Tiefenerschliessung der Urkunden, z.B. zur Erarbeitung von Transkriptionen/Editionen oder gar zur wissenschaftlichen Auszeichnung von Personen- oder Ortsnamen.

Das Online-Portal ermöglicht somit zeit- und raumunabhängige Forschung und bietet freien Zugang zu europäischen Urkunden. Sie dokumentieren die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Europas seit dem Mittelalter. Davon profitieren neben der wissenschaftlichen Forschung auch der Bildungsbereich und interessierte Laien, z.B. Genealogen.

Monasterium.net wird getragen von ICARUS, dem International Centre for Archival Research. Diese institutionelle Plattform der an Monasterium.net beteiligten Partnern beabsichtigt, die Zugänglichmachung von Archivgut zu verbessern und damit die Demokratisierung von Wissen durch Förderung und Unterstützung der internationalen Zusammenarbeit zu stärken.

Einstiegsseite von Monasterium.net. Der Hauptzugriff auf die Digitalisate der Urkunden und auf die Metadaten erfolgt entweder über den Reiter "Archivbestände" oder über "Suchen".

Aufbau der Urkundenplattform

Auf Monasterium.net finden Benutzer*innen Bilder der digitalisierten Urkunden sowie alle zur Verfügung stehenden Metadaten. Der systematische Zugang erfolgt nach Archiven oder nach wissenschaftlichen Sammlungen (Editionen etc.): Über das Register "Archivbestände" wird z.B. sofort ersichtlich, dass aus dem Gebiet der heutigen Schweiz das Klosterarchiv Einsiedeln sowie das Stadtarchiv St. Gallen und das Stiftsarchiv St. Gallen ihre Urkundenbestände online gestellt haben. Der Bestand der einzelnen Archive ist chronologisch geordnet, die Urkunden nach Datum einfach auffindbar. Zudem steht ein Suchfenster zur Recherche im ausgewählten Archiv, respektive der ausgewählten Sammlung zur Verfügung.

Für die Suche über alle Bestände und Sammlungen, z.B. nach einem Personen- oder Ortsnamen, steht den Benutzer*innen eine einfache Suche (Volltextsuche) zur Verfügung. Die Facettierung der Trefferliste hilft, die Suche weiter zu verfeinern. Neben der einfachen Suche gibt es ausserdem eine Registersuche, die einen direkten Zugang zu indexierten Inhalten, unter anderem zu illuminierten Urkunden, ermöglicht.

 

Die Recherche nach Urkunden auf Monasterium.net liefert nicht nur Bilddateien, sondern auch Regeste (Abstract) und, wo vorhanden, Transkriptionen und weitere Metadaten.

Mitarbeit der Crowd

Online nach Urkunden zu recherchieren ist ohne Login möglich. Für registrierte Benutzer*innen besteht darüber hinaus die Möglichkeit, sich an der Tiefenerschliessung der Urkunden zu beteiligen. So können Bilder annotiert und Urkundenbeschreibungen bearbeitet werden. Die Urkundenbearbeitung erfolgt in einem webbasierten Texteditor, der eigens für Monasterium.net entwickelt worden ist (EditMOM). Mit diesem lassen sich Schritt für Schritt Regesten und Transkriptionen erstellen. Daneben können weiterführende Angaben zu den Urkunden, bspw. Verweise auf Regestenwerke, Editionen oder weitere Literaturhinweise ergänzt werden.

Die Metadaten zu den Urkunden (Regeste, Transkriptionen etc.) können zudem nach dem etablierten XML-Standard CEI (Charters Encoding Initiative) semantisch ausgezeichnet werden. Neben einfachem Einfügen von Text kann damit echte urkundenübergreifende Tiefenerschliessung erfolgen. So können Benutzer*innen beispielsweise Urkundenaussteller oder Ortsnamen systematisch auszeichnen. Dank einer benutzerfreundlichen Oberfläche und dank leicht verständlichen Anleitungen ist der Editor auch für technische Laien ohne weiteres benutzbar.

Die (Tiefen-)Erschliessung von Urkunden erfolgt über den eigens für Monasterium.net entwickelten Texteditor EditMOM.

Zur Qualitätssicherung wird die bearbeitete Urkunde nach Beendigung der Arbeit einem Moderator überwiesen. Dieser überprüft die Änderungen, gibt sie frei oder weist sie ggf. zurück. Die Urkunde, welche für den Zeitraum der Bearbeitung für andere gesperrt war, wird so für eine weitere Bearbeitung wieder freigegeben.

Monasterium.net und EditMOM basieren auf XML, HTML5 und Javascript und wurden mit der Open Source XML-Datenbank eXist realisiert. Diese speichert gleichermassen die Software selbst, die unter dem Namen MOM-CA für Monasterium – Collaborative Archive firmiert, und die Dokumente mit ihren Metadaten. Um eine komfortable Nutzung zu ermöglichen, wird der von der Datenbank gelieferte HTML-Code im lokalen Browser durch Javascript erweitert. MOM-CA wurde am Institut für Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung der Universität Köln entworfen und entwickelt, seit 2014 findet die Weiterentwicklung als Open Source Software auf GitHub statt.

Demokratisierung von Wissen

Monasterium.net ist für Mittelalterhistoriker*innen mittlerweile ein Begriff und die Forschungsplattform ist Ausgangspunkt für manche Forschungsfrage. Zudem eignet sich Monasterium.net für die wissenschaftliche Ausbildung im Bereich E-Learning. Die Eingabemasken für Erschliessungsdaten fördern u.a. das Verständnis für diplomatische Kategorien und die Denkweise von Diplomatikern.

Um den Bekanntheitsgrad zu steigern, bietet Monasterium.net von Zeit zu Zeit eine Summer-School an, zuletzt 2017. Ausserdem organisierte Monasterium zwischen 2015 und 2017 vier sogenannte MOMathons. Bei diesen Wettbewerben zur Datenverbesserung mussten Datumsangaben aus OCR-Scans von Google Books in die Datenbank von Monasterium.net übertragen werden. Die 15 bis 34 Teilnehmer*innen bearbeiteten pro Durchführung 124 bis 402 Urkunden. Für Fragen wurde der Wettbewerb durch eine Chat-Funktion begleitet. Und derjenige/diejenige Teilnehmer*in, der/die pro Durchführung am meisten Datierungen übersetzte, wurde mit einer einjährigen kostenlosen Mitgliedschaft bei ICARUS4all belohnt.

Trotz einer Gesamtzahl von über 2300 eingeschriebenen Benutzer*innen und ca. 10'000 passiven Zugriffen pro Monat, bleibt die Crowd, welche aktiv zum Projektfortschritt beiträgt, klein – es fühlen sich meist nur Spezialisten vom Angebot angesprochen. Nichtsdestotrotz kommt das Projekt dank dem partizipatorischen Ansatz mit jedem Eintrag einen kleinen Schritt weiter. Ziel des Projekts ist es denn auch, die Plattform stets auszubauen, verfügbar zu halten und mit weiteren Online-Ressourcen zu vernetzen. Da ist es nur folgerichtig, dass für die (Nach-)Nutzung der Daten die Bilder per IIIF (International Image Interoperability Framework) adressierbar sind.

Infobox

ICARUS – International Centre for Archival Research, Erdberger Lände 6/7, A - 1030 Wien

www.Monasterium.net

Kontakt: Mag. Daniel Jeller, Monasterium / Digitisation / IT (daniel.jeller@icar-us.eu)

 

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