Crowdsourcing – Hilfsmittel für Neulinge

Zwei Tools erfahrener Institutionen zeigen, worauf es ankommt

Neben aktuellen Crowdsourcing-Aktivitäten verschiedener Institutionen und ihren konkreten Erfahrungen möchte dieser Blog Hilfsmittel vorstellen, die Neulingen den Einstieg ins Crowdsourcing erleichtern. Denn wieso das Rad neu erfinden, wenn andere Institutionen – ganz im Sinne des Teilens und gemeinsamen Erarbeitens des Web 2.0 – aus ihren Lessons learned praktische Tipps und Handreichungen zur Verfügung stellen?

MOCCA Model for Crowdsourcing in Cultural Heritage

Die Universiteit van Amsterdam, das Stadtsarchief Amsterdam und Picturae B.V., die Betreiberin der Plattform Vele Handen haben 2013 ihre Erfahrungen mit Crowdsourcing-Projekten zusammengetragen und daraus MOCCA Model for Crowdsourcing Cultural Heritage entwickelt. Das Modell ist als Fragebogen aufgebaut und soll zuerst die Planungsphase, danach die Umsetzungsphase eines Crowdsourcing-Projektes unterstützen, indem in Kommentaren zu den Fragen auf Faktoren hingewiesen wird, die zum Erfolg des Crowdsourcing beitragen.

MOCCA Model for Crowdsourcing Cultural Heritage

Beispiel einer Frage aus: MOCCA Model for Crowdsourcing Cultural Heritage, S. 10.

Die rund 50 Fragen zur Planungsphase sind in Bereiche gegliedert und helfen, eine klare Richtung für das Projekt zu finden:

  • Fragen zur eigenen Institution klären ab, ob das Rüstzeug und die nötigen Ressourcen für Crowdsourcing vorhanden sind
  • Fragen zum Inhalt und zu den Zielen des Crowdsourcing lassen die Komplexität eines Projekts erkennen
  • Fragen zur Crowd schärfen den Blick auf die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse
  • Fragen zur Infrastruktur lassen die konkreten technischen Anforderungen erkennen

Die Fragen zur Umsetzungsphase sind nach denselben Themenblöcken gegliedert, wobei nun zusätzliche oder gezieltere Fragen zur Zeitplanung, zum Controlling, zur Art der benötigten Crowd und zur konkreten Präsentation der Aufgabe gestellt werden.
Die Menge der Fragen mag abschreckend wirken, doch genau dies ist eine Stärke des Modells: Es weist auf Punkte in der Planung hin, die man selber übersehen hätte. Und die Kommentare zu den einzelnen Antworten weisen gezielt auf Stolpersteine und Erfolgsfaktoren aus Sicht der Autoren hin. Diese Sicht bzw. der Grundgedanke hinter dem Modell wird am Anfang des Modells erläutert: Bei erfolgreichem Crowdsourcing gehe es in erster Linie um die Crowd und deren Interaktion mit Kulturerbe, also um kulturelle Teilhabe, und nicht um die Auslagerung von Arbeit an Freiwillige. Deshalb legt das Modell ein besonderes Gewicht auf Fragen zur Attraktivität der ausgewählten Objekte, zum Auftrag der Crowd und zu ihrer Betreuung.

Konzeptuelle Überlegungen mit Checkliste

Das Landesarchiv Baden-Württemberg LABW führte schon mehrere Crowdsourcing-Projekte durch und befasste sich mit der Frage, welche Potentiale das Web 2.0 den Archiven bietet. Im Rahmen eines DFG-Projektes liess es ebenfalls 2013 seine Erkenntnisse in den Bericht Crowdsourcing: Konzeptuelle Überlegungen für den Einsatz in Archiven einfliessen. Allerdings ging das LABW von einem anderen Grundgedanken aus als MOCCA:
Crowdsourcing dürfe kein Selbstzweck sein, sondern soll immer in engem Zusammenhang mit den Kernaufgaben der Überlieferungsbildung, Erschliessung und Zugänglichmachung relevanter Unterlagen stehen. In kollaborativen Erschliessungsprojekten beispielsweise sollen Nutzende ihr Expertenwissen zu einem Thema einbringen können und dadurch die Erschliessungsdaten angereichert oder vertieft werden, wie es die Archive selbst nicht leisten könnten. Crowdsourcing wird also in erste Linie als Partizipation der Nutzenden an der Verbesserung der Findmittel und Zugänglichkeit gesehen. Aus Sicht der Autoren bietet Crowdsourcing erst dann einen echten Mehrwert, wenn die nutzergenerierten Daten ins Archivinformationssystem integriert sind und anderen Nutzenden zur Verfügung stehen.

In den darauf fussenden konzeptionellen Überlegungen des LABW werden 15 Kriterien für die erfolgreiche Durchführung von Crowdsourcing-Projekten erläutert und auch in einer übersichtlichen Checkliste zusammengefasst:

Crowdsourcing Checkliste

Aus: Crowdsourcing: Konzeptionelle Überlegungen für den Einsatz in Archiven, S 20. https://www.archivschule.de/DE/forschung/digitalisierung-archivalischer-quellen/berichte-und-beitraege/berichte-und-beitraege.html

Diese 15 Kriterien sollen bei der Projektplanung beachtet und vor Beginn des Crowdsourcing erfüllt sein. Die Punkte legen besonderes Gewicht auf eine klare Definition der Ziele und des zu generierenden Inhalts sowie auf die Planung des Datentransfers und der qualitätssichernden Massnahmen. Im Unterschied zu MOCCA nehmen Überlegungen zur Crowd weniger Raum ein.

Fazit

Trotz der unterschiedlichen Grundgedanken zu Crowdsourcing machen beide hier vorgestellten Hilfsmittel deutlich, wie wichtig eine klare Zielsetzung bei einem solchen Projekt ist: Was soll mit Crowdsourcing wirklich erreicht werden? Zudem betonen beide, dass der Personal- und Ressourcenaufwand nicht unterschätzt werden darf: Crowdsourcing ist kein Selbstläufer. Und vor allem zeigen die beiden Hilfsmittel, dass eine sorgfältige Planung essentiell für das Gelingen eines Crowdsourcing-Projekts ist. Dazu bieten sie viele nützliche Anregungen, so dass kein Archiv das Rad neu erfinden muss. Je nach dem Schwerpunkt des eigenen Vorhabens kann MOCCA oder die Checkliste des LABW hilfreicher sein. Von den Erfahrungen aus Holland und Baden-Württemberg profitieren Neulinge auf jeden Fall.

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