Crowdsourcing – „Sinnhaftigkeit ist zentral“

Interdisziplinäres Bürgerforschungs-Projekt zur Geschichte der Stadt Basel

Verena Rothenbühler, Martin Lüpold

Am Anfang stand Theo, der in Wirklichkeit gar nicht Theo hiess. Seinen Namen hat der namenlose Tote erhalten, weil sein Gerippe auf dem Friedhof der St. Theodorskirche in Kleinbasel zum Vorschein kam.

Gerhard Hotz, Anthropologe am Naturhistorischen Museum Basel, startete 2007 mit Theo ein erfolgreiches und bis heute aktives Crowdsourcing-Projekt. Das Projekt wurde 2012 vom Naturhistorischen Museum abgetrennt und läuft seither unter dem Namen «Bürgerforschung Basel BBS / Citizen Science Basel» am Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel.

Die Crowd hat Archivmaterialien transkribiert und historische Personendaten gesammelt. Ab zirka 2023 sollen die umfangreichen Daten, die von der Crowd seit 2007 in Word, Excel oder Filemaker generiert wurden, unter dem Namen "Historisch-Genealogische Informationssystem Basel, HISB", der Öffentlichkeit und Wissenschaft zugänglich sein.

Theo, der Pfeifenraucher

Alles begann 1984, als man bei Bauarbeiten bei der Theodorskirche auf den Friedhof aus der Zeit von 1779 bis 1833 stiess. Schliesslich wurden dort 24 Skelette geborgen und ins Magazin des Naturhistorischen Museums gebracht. Als Gerhard Hotz 2004 für ein Anthropologie-Praktikum an der Universität Basel Übungsmaterial suchte, griff er auf die Skelette im Museumskeller zurück. Darunter befanden sich die Knochen von Theo.

Gebiss von Theo mit den runden Zahnlücken Foto: Wikipedia/Adrian Michael

Gebiss von Theo mit den runden Zahnlücken Foto: Wikipedia/Adrian Michael

Theo stach wegen seiner kreisrunden Gebisslücken besonders in die Augen. Die Deformation der Zähne führten die Nachwuchsforscher auf das tönerne Mundstück einer Tabakspfeife zurück. Und sie beschlossen, den Toten genauer zu untersuchen. 2007 präsentierte das Naturhistorische Museum Basel mit der Sonderausstellung "Theo der Pfeifenraucher" die ersten Forschungsergebnisse zu der noch unbekannten Person.

Die Theo-Crowd

Gleichzeitig rief das Museum mit Steckbrief und Phantombild die Bevölkerung zur Hilfe bei der Identifizierung des Unbekannten aus der Basler Unterschicht auf. Die Suche nach der Identität von Theo stiess laut Gerhard Hotz auf ein grosses Interesse. 2009 erschien in der Coop-Zeitung ein Artikel über Hotz’ Arbeit mit Freiwilligen. Rund 50 Freiwillige meldeten sich schliesslich, aus denen Gerhard Hotz 25 auswählte (50, so Hotz, wären schlichtweg zu viele gewesen).

Die Aufgabe der freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war es, im Staatsarchiv Basel-Stadt die Beerdigungsregister der Kirchgemeinde St. Theodor und andere Quellen und Dokumenten zu transkribieren, die Hinweise auf die mögliche Identität von Theo lieferten. Im Theo-Projekt, so Gerhard Hotz, stand die Identifizierung des namenlosen Toten jedoch nicht im Zentrum. Den Anthropologen reizte vielmehr die Aufgabe, mit interdisziplinärer Arbeit, also mit Hilfe anthropologischer und historischer Methoden, möglichst viel über das ganze Umfeld eines Kleinbasler Arbeiter am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts herauszufinden.

Printscreen Erbschaftsinventare

Die Freiwilligen transkribierten und erfassen umfangreiche Daten wie diese Erbschaftsinventare

«Not macht erfinderisch», sagt Gerhard Hotz schmunzelnd. Denn ohne die freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das historische Material transkribierten, wäre das Theo-Projekt in dieser interdisziplinären Anlage gar nicht realisierbar gewesen. Hotz spricht von Citizen Science oder Bürgerforschung. Dass sein Projekt auch ein Crowdsourcing-Projekt ist, hat er lange nicht realisiert.

Ein spannendes Kapitel Basler Stadtgeschichte

2012 startete Gerhard Hotz ein weiteres Projekt, das Basler Spitalfriedhof-Projekt. Im Zentrum dieses Unternehmens stehen die über 500 identifizierten Skelette des im 19. Jahrhundert belegten Friedhofs des Bürgerspitals im St. Johann und über 900 dazu gehörige Patientenakten. Das Ziel war es, aus der Kombination von identifizierten Skeletten, Patientenakten und genealogischen Daten detaillierte Einblicke in die Lebensbedingungen der Basler Unterschicht im 19. Jahrhundert zu gewinnen.

Wiederum trat die Theo-Crowd in Aktion, jetzt unter dem Namen "Bürgerforschungsprojekt Basel-Spitalfriedhof". Sie hatte die Aufgabe, umfangreiche Datenserien wie die Patientenakten zu transkribieren und weitere stadtgeschichtliche Quellen wie Patienten- und Sterberegister, Erbschaftsinventare, Lagerbücher der Brandassekuranz, Adressbücher oder Volkszählungen zu erfassen und Stammbäume zu erstellen. Damit die Qualität der Daten stimmt, werden sie von zwei bis drei Personen kontrolliert. Die Patientenakten werden zusätzlich von Fachpersonen wie Zahnärzten oder Pharmazeutinnen auf ihrer Richtigkeit überprüft.

Sinnhaftigkeit ist das A und O eines erfolgreichen Crowdsourcing-Projekts

Gefragt nach dem Erfolgsrezept des Basler Bürgerforschungsprojekts, muss Gerhard Hotz nicht lange überlegen. Am wichtigsten sei es, die Sinnhaftigkeit eines Projekts erklären zu können. Mit einer guten Geschichte kann man Freiwillige finden und überzeugen – und stösst auch bei den Medien auf Interesse.

Die Resultate der Freiwilligen werden direkt für zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten genutzt. "Die Freiwilligen wissen, dass sie wichtige Daten und Erkenntnisse für die Forschung liefern."

"Die freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen die Sinnhaftigkeit des Projekts. Es macht Sinn und auch Spass, bei der Bürgerforschung mitzumachen." Das bestätigen auch die Zahlen. Viele der seit Anfang an tätigen Freiwilligen sind immer noch aktiv. Sie setzen sich zu 10-15 Prozent aus Berufstätigen und Studierenden zusammen, die restlichen sind Pensionierte. Für Nachwuchs ist gesorgt.

Gerhard Hotz kennt alle seine Crowdsourcerinnen und -sourcer persönlich. Er ist überzeugt, dass die Crowd die Wertschätzung spüren muss. So organisiert Gerhard Hotz seit über zehn Jahren jährlich drei bis vier Treffen der freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei wird ihnen etwas Exklusives geboten, sei es ein Vortrag oder eine Führung, und beim Apéro riche wird das soziale Netzwerk gepflegt.

Neben einem kleinen Budget für die Organisation der Freiwilligen-Treffen investiert Hotz auch viel Zeit. Einen grossen Teil seiner Freizeit verwendet er für die Pflege der Crowd. Dies entspricht mindestens einem 50%-Pensum.

Gefragt nach einem letzten Tipp, meint er: «Klein anfangen.» In der Tat ist das Projekt Bürgerforschung Basel-Stadt stetig gewachsen. Die Ziele, so Gerhard Hotz, wurden mit dem Crowdsourcing-Projekt erreicht, es hat sich für ihn gelohnt.

Infobox

Bürgerforschung Basel / Citizen Science Basel

Angaben zum Projekt und zu den transkribierten Quellen

Website für die freiwilligen Mitarbeitenden

Wikipedia-Eintrag "Theo der Pfeifenraucher"

Kontakt: Dr. Gerhard Hotz, Naturhistorisches Museum Basel / Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel (gerhard.hotz@unibas.ch)

Schreibe einen Kommentar