Gemeinsam statt einsam – Ressourcenerschliessung mit Normdaten in Archiven und Bibliotheken (RNAB)

In der Bibliothekswelt findet seit einigen Jahren ein Umdenken statt. Mit der Einführung des bibliothekarischen Regelwerks Resource Description and Access (RDA) entwickelte sich im deutschsprachigen Raum das Bedürfnis, die etwas verstaubten und stark in der bibliothekarischen Tradition verankerten Regeln zur Erschliessung von Nachlässen und Autographen (RNA) zu überarbeiten. Das neue Regelwerk zur Verzeichnung von Beständen privater Herkunft heisst Ressourcenerschliessung mit Normdaten in Archiven und Bibliotheken (RNAB). RNAB_20190516

1997 wurden die RNA im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft erarbeitet. Als Grundlage dienten damals die noch älteren Regeln für die alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken (RAK-WB). Mit der schrittweisen Einführung der RDA im deutschen Sprachraum war eine Überarbeitung der RNA notwendig. 2014 beschloss das unabhängige Netzwerk KOOP-LITERA international, die RNA auf Grundlage der RDA neu zu erarbeiten.

Die neue Richtlinien RNAB entstanden in der Zusammenarbeit zwischen Archiven und Bibliotheken. Im Redaktionsteam der RNAB arbeiteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Österreichischen und Schweizerischen Nationalbibliothek sowie der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz zusammen. Unterstützt wurde das Team von der Bayerischen Staatsbibliothek, der Deutschen Nationalbibliothek, des Sächsischen Staatsarchivs, des Verbandes Österreichischer Archivarinnen und Archivare, der Universitätsbibliothek Basel u.a. Die Archivarinnen und Archivare mit ihren doch eigenen spezifischen Bedürfnissen, Traditionen und Vorgehensweisen wurden bewusst mit ins Boot geholt.

Die RNAB richten sich an alle Institutionen, die mit Personen-, Familien-, Körperschaftsarchiven oder Sammlungen zu tun haben. Sie umfassen 22 Regeln, die allgemeine Vorgaben zum praktischen Umgang mit den Nachlässen liefern. Es wird Schritt für Schritt aufgezeigt, wie die Bestände zu bestimmen, zu ordnen und zu verzeichnen sind. Das Konzept ist auch für Laien verständlich. Es handelt sich mehr, um eine praktische Anleitung als, um eine Richtlinie. Sie ist mit vielen Beispielen und Vorschlägen aus dem bibliothekarischen und archivischen Kontext illustriert und liefert somit eine perfekte Lösung, z.B. für regionale Kulturarchive, die auf Freiwilligenarbeit angewiesen sind. Zusätzlich befindet sich im Anhang, neben einem kontrollierten Vokabular, ein Glossar, in welchem die wesentlichen Begriffe definiert sind.

Im Gegensatz zu den RNA versuchen die RNAB, die beiden unterschiedlichen, aber doch so ähnlichen Welten näher zu bringen, d.h. ein praxisnahes und kompatibles Regelwerk mit sowohl bibliothekarischen als auch archivischen internationalen Standards zu schaffen. In den RNAB ist es spürbar, dass im deutschsprachigen Raum eine gewisse Sensibilisierung für archivspezifische Vorgehensweisen besteht. Das Richtlinienkonzept basiert nicht nur auf dem bibliothekarischen Standard RDA und Metadatenmodell Library Reference Modell (LRM), sondern auch auf den archivischen Standards wie International Standard of Archival Description (ISAD(G)), Encoded Archival Description (EAD) und Describing Archives: A Content Standard (DACS). Ein wichtiger Punkt in den RNAB ist die Verwendung von Normdaten aus der Gemeinsamen Normdatei (GND), ISO-Normen und kontrolliertem Vokabular. Dadurch wird die Möglichkeit einer multidimensionalen Verzeichnung, die sowohl in LRM und in dem gerade entstehenden archivischen Metadatenmodell von Records in Context (RiC) zu finden ist, mitberücksichtigt. Der gemeinsame Nenner für die beiden Modelle LRM und RiC sowie für das Regelwerk RDA heisst "Ressource", d.h. eine Entität mit ihren Merkmalen und Relationen zu anderen Entitäten. Diese Prämisse wird auch in den RNAB widergespiegelt.

Positiv zu werten ist der Verzicht auf einige RDA-Regelungen, die nicht mit den gängigen archivischen Erschliessungspraktiken kompatibel sind, wie z.B. die den RDA zugrundeliegende Aufteilung in die Werk-, Expression-, Manifestation-, und Exemplar-Ebene, die sich nur schwer auf Archivgut anwenden lässt.

Es ist wünschenswert, wenn der in eine gemeinsame Richtung eingeschlagene Weg länderübergreifend weiterverfolgt und –entwickelt wird.

PDF-Download & weitere Informationen: https://wissenschaftliche-sammlungen.de/de/service-material/materialien/ressourcenerschliessung-mit-normdaten-archiven-und-bibliotheken-rnab-2019

Schreibe einen Kommentar